Der Schulsport und ich

Als ich den Artikel von Juliane auf kleinerdrei las, fühlte ich mich sofort an meine eigenen Schulsport-Erfahrungen zurückerinnert. Die meisten davon sind keine guten.

Meine Schulsport-Karriere (höhö) lässt sich grob in drei Phasen einteilen:

1. Die Grundschulphase: Das, was damals bei uns als Schulsport durchging, wird heute oft spöttisch als Kuschelpädagogik bezeichnet. Viele Erinnerungen habe ich an diese Zeit nicht – ich weiß noch, dass ich damals mit Hilfe eine Rolle rückwärts geschafft habe und dass die Notengebung sehr großzügig war: alle bekamen sowieso eine Zwei und die, die richtig gut waren eine Eins.

2. Die Klassen 5-11: Das war die Zeit, in der Sport mein mit Abstand meistgehasstes Fach war.

In der 5 und 6 hatte ich Lehrer X, in der 7-9 Herrn Y und in der 10 und 11 wieder Herrn X. Beide gehörten mit zum ältesten Lehrpersonal, das an der Schule vorhanden war und hatten ihre Unterrichtsmethoden seit dem Referendariat anscheinend nicht geändert.

Trotzdem gab es einen grundlegenden Unterschied zwischen beiden: Bei Herrn X hatte man wenigstens das Gefühl, dass ihm an seinen SchülerInnen pädagogisch gelegen war und dass er uns wirklich etwas beibringen wollte. Dann hat er auch schonmal die Übung am Barren oder den Kopfsprung vom 3-Meter-Brett vorgemacht. Das größte Problem, was ich in der Unterstufe mit ihm hatte, war sein Sarkasmus und seine Ironie, die ich in dem Alter einfach noch nicht verstand und mit der ich nicht umgehen konnte.

Bei Herrn Y dagegen – tja. Ich erinnere mich noch daran, dass eine Klassenkameradin ihn mal fragte, ob er das Kugelstoßen vormachen könnte. Dazu muss ich ergänzen: Herr Y war der unsportlichste Sportlehrer, dem ich je begegnet bin und dazu noch ein Choleriker vor dem Herrn. Da ist so eine Frage natürlich eine denkbar schlechte Idee, aber wer denkt als 13Jährige schon so weit?

An den Unterricht in den Stufen 5 bis 9 habe ich keine einzige gute Erinnerung, nichts, bei dem ich sagen würde „das hat mir Spaß gemacht“ oder „daran denke ich gerne zurück“. Was ich im Kopf habe, wenn ich an diese Stunden denke, geht eher in die Richtung „du kannst das nicht und wirst das auch nie können.“

Am schlimmsten war der Hochsprung, den wir gefühlt jedes Halbjahr durchexerziert haben. Ich glaube, ich bin insgesamt ein einziges Mal über diese verdammte Latte gekommen und das auch nur zufällig. Ich bin dann dazu übergegangen, den Lehrer zu bitten, mir doch direkt eine Sechs einzutragen (die ich ja sowieso bekommen hätte), was aber nie funktioniert hat. Schlimm war auch alles, was mit Turnen zu tun hat – ich war jedesmal froh, wenn die Stunde vorbei war und ich wenigstens die einfachste der Übungen halb hinbekommen hatte.

In diese Zeit fällt auch mein bisher einziger Sportunfall: Eine gebrochene Nase. Und das kam so: In der folgenden Woche war eine Prüfung im Bodenturnen angesetzt. Ich konnte Rolle vorwärts und grade so eine Flugrolle. Wir hatten damals zuhause einen unausgebauten Dachboden, wo man bequem mehrere Matratzen hintereinander legen konnte und ich also meine Flugrolle übte, um im Test wenigstens irgendwie eine Drei zu kriegen. Bei einem dieser Versuche zog ich versehentlich (es ist mir immer ein Rätsel geblieben warum) das Knie an, es knackte laut und die Nase war gebrochen. Auf die Geschichte will ich gar nicht näher eingehen, nur noch soviel: Einfach weil es mir peinlich war, wussten nicht viele über den genauen Unfallhergang Bescheid, aber natürlich gab es irgendeinen Idioten, der das Ganze Herrn Y gesteckt hat.

Und dann die Ballsportarten! Nicht falsch verstehen, ich mag Ballsport. Obwohl ich oft als Letzte in die Mannschaft gewählt wurde, habe ich in der Schule gerne Basketball oder Fußball gespielt. Aber das war auch schon das Problem: Ich kann mich nicht daran erinnern, bei Herrn Y mal eine andere Ballsportart ausprobiert zu haben. Bei Herrn X haben wir später ein- oder zweimal Hockey gespielt – boah, fand ich das damals cool.

In der 10 bekamen wir also wieder Herrn X und in den folgenden zwei Jahren wurde mein Verhältnis zum Schulsport ein sehr leicht besseres. Was zum Einen daran lag, dass wir jetzt mehr Verständnis für seine Art von Humor hatten und zum Anderen schlicht und ergreifend daran, dass ich endlich mal was konnte.

Damals hätte ich das nie so konkret beschreiben können, aber in der Nachbetrachtung ist es wahnsinnig deutlich für mich, wie sehr ich in den folgenden Stunden davon gezehrt habe, dass ich im Weitsprung eine Zwei geschafft hatte. Ich – eine Zwei in Sport. Was zugegebenermaßen nur daran lag, dass ich relativ groß war und deswegen weiter kam. Mit Sportlichkeit hatte das nichts zu tun. Die Überraschung muss mir ins Gesicht geschrieben gestanden haben, als ich meine Weite und damit meine Note erfuhr und wurde von Herrn X mit „Na Frau Bottleberry, hättste net gedacht, hä? So weit springt kein Meerschweinchen!“ kommentiert. Tja, das war sein Humor.

Dass meine Beziehung zum Schulsport einigermaßen versöhnlich endete, liegt an

3. den Klassen 12 und 13, also der Kurs- oder Oberstufe:

Als am Ende der 11 die Kurse gewählt wurden, machten die Sportlehrer Aushänge mit ihrem Programm für die nächsten zwei Jahre, anhand derer man sich für die Kurse entscheiden konnte. Dass unser Kurs der Kurs für Leute werden würde, die Schulsport ansonsten „nicht konnten“, war relativ schnell klar, aber nie hatte es mich weniger gestört, dass einem Kurs, in dem ich war, ein Loser-Image anhaftete – und das lag zum einen an der Lehrerin, zum anderen aber sicherlich, das muss ich zugeben, an ihrer sehr großzügigen Notengebung. Frau Z war Referendarin, kam also frisch von der Uni, war höchstens sieben Jahre älter als wir und voll von dieser Anfangseuphorie und jeder Menge neuer Unterrichtsideen. In diesen beiden Jahren hat mir wirklich jede einzelne Sportstunde Spaß gemacht, auch, und das ist, finde ich, im Nachhinein das Bemerkenswerte, wenn ich nichts konnte, was weiterhin ziemlich oft vorkam.

(Frau Z hat übrigens nach ihrem erfolgreich absolvierten zweiten Staatsexamen die Schule gewechselt, was mir persönlich egal war, für die Entwicklung der Schule hätte ich es aber sehr begrüßt, wenn sie geblieben wäre.)

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Über bottleberry

Welcome to the real world. It sucks. You're gonna love it.
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